Ertaubung = Weltuntergang?
Eine schwere Hörschädigung oder eine Ertaubung ist ein schwerer Einschnitt im Leben. Es ist eine Umstellung, die man nicht einfach planen oder vorhersehen kann. Es kann einen plötzlich treffen, z.B. durch ein Lärmtrauma an Sylvester, schleichend mit immer schlechter werdendem Gehör oder auch in Schüben, also z.B. Hörverschlechterungen nach Operationen, einer Meningitis oder Medikamenteneinnahme. Nur eines ist momentan sicher: Das natürliche Hörvermögen kann zwar schlechter werden, langfristige Verbesserungen sind dagegen nicht zu erwarten. Ausnahmen sind wechselnde Hörfähigkeit sowie Verbesserungen nach Hörstürzen (die Chance dafür ist bei rechtzeitiger Behandlung sehr gut. Weitere Infos zum Thema Hörsturz auf ertaubt.de finden Sie hier.
Wenn die Ertaubung plötzlich eintrifft, kann man sich nicht auf die Ertaubung vorbereiten. Man steht auf einmal da und hört nichts mehr. Dieser Umstand ist relativ selten, hat doch jeder Mensch zwei Ohren und eine Ertaubung auf beiden Ohren gleichzeitig kommt fast nie vor. Man wird ins kalte Wasser geworfen und muss Kommunikationsprobleme sowie psychische Probleme auf einmal lösen. Neben den Kommunikationsproblemen ist es schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass man beim Autofahren den Motor nicht hört, der früher unerträglich laute Feueralarm nicht mehr wahrgenommen wird und man nie wieder seine Lieblingsmusik hören wird.
Bei schleichender oder schubhafter Ertaubung beginnt die Umstellung davor. Man weiß, dass eine Ertaubung mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann eintreten wird und kann sich darauf vorbereiten. Das klingt gut, ist in der Praxis aber unendlich schwer. Je mehr man sich mit der Thematik beschäftigt, z.B. Gebärdensprachkurse besucht, noch ein paar Mal ins Konzert geht oder seine Lieblings-CDs ein letztes Mal hört – desto mehr geht es auf die Psyche. Die Jahre vor der Ertaubung können geradezu lähmen. Oft wird mir von schleichend Ertaubten gesagt, dass die Ertaubung eine Erlösung für sie war. Das Schicksal war eingetreten, von dort an ging es bergauf.
Man stellt fest, dass es oft sehr einfach ist, mit der Ertaubung klar zu kommen. Momentan werden akustische Reize im Internet nur begrenzt eingesetzt, so dass man sich bei der Nutzung des Internets in keinster Weise eingeschränkt fühlt. Das Internet ist ein Paradies für Ertaubte. Hier fühlen sich viele Ertaubte komplett in der Welt eingeschlossen – die Erfindung der Emails ist ein unglaublicher Segen!
Auch die rasche Verbreitung der SMS ist wunderbar und ist wesentlich besser als die Nutzung des Faxgeräts. Wenn es einmal schnell gehen muss, rufe ich mit dem Handy an, spreche im Monolog meinen Text und bitte um eine Bestätigung per SMS, dass das Gesagte so auch angekommen ist und nicht etwa der Anrufbeantworter meinen Worten gelauscht hat. Im Bereich „Technische Hilfsmittel“ finden Sie einige weitere sinnvolle Kommunikationsmittel für Ertaubte. War eine Ertaubung vor 20 Jahren eine kommunikationstechnische Katastrophe, ist dieser Aspekt heute doch wesentlich weniger furchterregend.
Und doch ist eine Ertaubung unglaublich schmerzhaft. Eine Weile lang werden die allermeisten auf Sie Rücksicht nehmen, sie in Gesprächen teilhaben lassen. Nach und nach wird diese Bereitschaft bei vielen davon sinken, es ist einfach sehr anstrengend, für beide Seiten. Hier hilft nur aktives Handeln: Wann will ich kommunizieren? Wann brauche ich eine Pause? Mit dem Lippenabsehen bekommt man nur Bruchstücke mit und weiß oft gar nicht, um was es eigentlich geht. Warum lachen die Kollegen gerade? Was ist momentan los, worauf warten nun denn alle? Warum steht der Zug jetzt schon eine halbe Stunde im Bahnhof? Warum sieht die Verkäuferin gerade so sauer an – habe ich etwas nicht mitbekommen? Kommunikation per Absehen, mit oder ohne Hörgeräte und Implantate, ist anstrengend – manchmal bin ich froh, wenn nicht so viel gesprochen wird, wenn einfach mal eine Pause da ist.
Mit akustischen Reizen sind viele Emotionen verbunden, der Klang der Stimme, der so viel in einer Kommunikation aussagt. Man stelle sich den Vergleich des Lesens von Hamlet und der Theatervorstellung dieses Stückes vor – eine ganz andere Dramatik! Wurde man früher sanft mit den Klängen des Radios geweckt, begrüssen einen nach der Ertaubung die grellen Blitze des Lichtweckers. Überhaupt fehlt die Musik. Einfach mal auf das Sofa legen, die Stereoanlage anschalten und entspannen. Oder gemütlich fernsehen – inzwischen bieten zwar einige Programme eine teilweise Untertitelung ihrer Sendungen (die Privaten außer Pro7 und Kabel1 halten sich fein raus), doch ist das gleichzeitige Fernsehen und Lesen der Untertitel nicht wirklich entspannend. Ich will mich nicht beklagen – je mehr Untertitel angeboten werden, je besser!
Man kann die Gefühle vor und nach der Ertaubung schwer beschreiben. Es ist eine große Umstellung und wer dies nicht so sieht, belügt sich selbst. Nichtsdestotrotz geht das Leben weiter. Mehr als das, man lernt zu schätzen, wie wertvoll das Leben ist. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben so schön machen. Und auch die großen Ziele sind nach wie vor erreichbar. Denn eins ist gleichgeblieben: Die Probleme (oder besser gesagt: Herausforderungen), vor denen man selbst steht, erscheinen einem immer am größten. Sei es die Verspätung des Stadtbusses, der Termindruck bei der Arbeit oder die stets anstrengende Kommunikation. Es gibt immer einen Weg. Es gibt Steine, die den Weg versperren, die zu groß zum wegrollen sind. Aber auch, wenn man nicht den direkten Weg nimmt, Ziele sich ändern, es ist ein Weg, auf dem man gehen, den man genießen kann.
Die Hoffnung bleibt! Die Zeit läuft für uns - der medizinische und technische Fortschritt entwickelt sich rasant. Ich träume von einem neuen Hörnerv. Ein Funken Hoffnung ist da, dass wir Ertaubten in 20 Jahren wieder Beethoven und Mozart hören können. Beethoven ertaubte übrigens genauso wie Friedrich Smetana - und damals waren die Bedingungen weit weniger ertaubtenfreundlich.
Über Erfahrungsberichte freue ich mich und stelle diese gerne (auch anonym) online. Drei Erfahrungsberichte finden Sie im Downloadbereich.

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