Was ist ein Hörsturz?

Ein Hörsturz ist eine vergleichsweise häufige Ursache für Ertaubung. Dieser Beitrag wurde ursprünglich von spaetertaubt.de veröffentlicht. Die Fülle des im Internet und über andere Quellen auffindbaren Materials auch nur annähernd zu sichten, geschweige denn vollständig auszuwerten, war spaetertaubt.de nicht möglich, weshalb die Grundlage für diesen Beitrag die Leitlinie 017/010 "Hörsturz" der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (AWMF-Leitlinie, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) ist.

A. Definition

Hörsturz ist eine ohne erkennbare Ursache plötzlich auftretende Innenohrschwerhörigkeit unterschiedlichen Ausmaßes bis hin zur Ertaubung. Meistens ist nur ein Ohr betroffen. Schwindel und Ohrgeräusche (Tinnitus) können zusätzlich auftreten.

B. Auftreten

Das statistisch häufigste Erkrankungsalter liegt um das 50. Lebensjahr, zunehmend erkranken jedoch jüngere Patienten. In der Kindheit ist Hörsturz dagegen selten. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Die Häufigkeit des Auftretens kann nur geschätzt werden, sie dürfte in Deutschland bei jährlich 20 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner liegen.

C. Klassifikation

Folgende Arten des Hörsturzes lassen sich nach Art und Ausmaß der eintretenden Schwerhörigkeit unterscheiden:

  1. Hochton-Hörverlust

    Töne werden mit zunehmender Höhe schlechter wahrgenommen. Ursache ist bei einem Hörverlust bis ca. 50 dB wahrscheinlich eine Störung der äußeren Haarzellen, ab ca. 60 dB eine Störung allein oder zusätzlich der inneren Haarzellen.

  2. Tiefton-Hörverlust

    Töne werden mit abnehmender Höhe schlechter wahrgenommen. Ursache ist wahrscheinlich eine Flüssigkeitsstörung ("endolymphatischer Hydrops") oder eine örtliche Durchblutungsstörung mit Gewebeschädigung durch Sauerstoffmangel und Störung des Elektrolyt-Gleichgewichts.

  3. Mittelfrequenz-Hörverlust

    Hierbei werden tiefe und hohe Töne normal wahrgenommen, der Verlust tritt lediglich im Mitteltonbereich auf. Diese Störung tritt selten auf, und die Ursachen sind weitgehend unbekannt.

  4. Pantonaler Hörverlust

    Hierbei sind alle Frequenzen betroffen, weshalb bereits eine geringfügige Störung als schwerwiegend empfunden wird. Ursache ist wahrscheinlich eine Durchblutungsstörung u.U. auch der zuführenden Gefäße mit Gewebeschäden durch Sauerstoffmangel.

  5. Taubheit/an Taubheit grenzender Hörverlust

    Diese Form des Hörsturzes ist durch den praktisch vollständigen Ausfall des Hörvermögens charakterisiert, der in der Regel alle Frequenzen betrifft. Als Ursache wird ein Gefäßverschluß aufgrund Thrombose oder Embolie vermutet.

  6. Sonstiges

    Hierunter fallen alle oben nicht zuordbaren Störungen wie z. B. auf- und abschwellender Hörverlust oder sich unter der Therapie verschlimmernder Hörsturz. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt.

D. Abgrenzung anderer Krankheiten

Die diagnostische Abgrenzung von Krankheiten oder Ereignissen, die ebenfalls einen Hörverlust im Sinne des oben genannten Schemas hervorrufen können, ist aufwendig. Folgende Krankheiten oder Ereignisse kommen in Frage:

  • Virusinfektionen (z.B. Adenoviren, Zoster, Mumps, HIV)
  • Multiple Sklerose, Autoimmunvasculitis (Entzündung der Gefäßwand, z.B. Cogan-Syndrom)
  • Toxische Einflüsse (z.B. bestimmte Arzneimittel, Drogen, gewerbliche Gifte), Nierenleiden
  • Tumoren (z.B. Akustikusneurinome, Hirnstamm- und Felsenbeingeschwülste)
  • Perilymphfistel, Barotrauma (z.B. Tauchunfall)
  • Akutes Schalltrauma, akustischer Unfall, Funktionsstörungen der Halswirbelsäule (z.B. Trauma, Fehlstellung)
  • Bakterielle Innenohrentzündung (z.B. bei Mittelohrentzündung, Lues, Borreliose)
  • Liquorverlust-Syndrom (z.B. nach Liquorpunktion)
  • Meningitis
  • Genetisch bedingte Innenohrschwerhörigkeit, Innenohrmißbildung
  • Genetisch bedingte Syndrome (z.B. Usher-Syndrom, Pendred-Syndrom)
  • Blut-Erkrankungen (z.B. Polyglobulie, Leukämie, Exsikkose, Sichelzellenanämie)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. niedriger Blutdruck)

E. Therapie des Hörsturzes

Die Art der Therapie ist abhängig vom Typ des Hörsturzes (siehe oben). Zum Einsatz kommen in der Regel Medikamente (häufig in Form von Infusionen), aber auch andere Behandlungsmethoden. Zu diesen anderen Methoden zählen laut AWMF-Leitlinie die hyperbare Sauerstofftherapie für den Fall, daß alle übrigen Therapien versagen, unter bestimmten Voraussetzungen die Apherese sowie operative Eingriffe.

Wir weisen darauf hin, daß die Therapie eines Hörsturzes immer (und sofort!) in die Hand eines Facharztes gehört. Auf die ausführliche Wiedergabe des Abschnitts "Therapie" der Leitlinie haben wir daher verzichtet.

Obwohl jeder Hörsturz als Eilfall anzusehen ist, bedarf gemäß der Leitlinie nicht jeder Hörsturz einer sofortigen Behandlung. Bei geringfügigen Hörverlusten ("...und informierten Patienten...") ohne Beeinträchtigung des Sprachverständnisses soll demnach eine Spontanremission (Besserung von selbst) einige Tage abgewartet werden können. Bei ausgeprägtem Hörverlust, vorgeschädigten Ohren, bei Tinnitus und/oder Schwindel soll nicht abgewartet werden.(Anmerkung: Nach unserer Auffassung ist ein Abwarten keinesfalls angezeigt.)

Eine stationäre Therapie (Krankenhausaufenthalt) kommt gemäß der Leitlinie in Frage bei starker Einschränkung des Sprachverständnisses auf einem oder beiden Ohren, bei ein- oder beidseitiger Taubheit, bei Verschlechterung des Gehörs während einer ambulanten Therapie, wenn das gegenüberliegende Ohr bereits schwerhörig oder taub ist, bei nachweisbarem Schwindel sowie bei "besonderem beruflichem Betroffensein".

Allen Therapien ist gemein, daß sie sich statistisch nicht oder nicht gesichert auf ihre Wirksamkeit hin bestätigen lassen. Unter anderem liegt dies daran, daß sich ein Hörsturz, insbesondere bei leichteren Formen, in vielen Fällen spontan wieder bessern oder völlig zurückbilden kann und dieser Effekt alle statistischen Untersuchungen verfälscht. Die Wirksamkeit der heute angewandten Therapien ist daher lediglich empirisch, also aus Erfahrung und Beobachtung, abgesichert.

Ungebräuchliche (laut AWMF-Leitlinie “obsolete”) Therapien:

  • Sauerstoffatmung bei normalem Druck
  • Ozon
  • UV-Licht
  • Jede Form von Laser-Therapie, auch in Verbindung mit z.B. Ginkgo- u.ä. Präparaten
  • Suggestive Psychotherapie
  • Akupunktur
  • Eigenblutbehandlung
  • Vasodilativa

F. Heilungs- bzw. Besserungsaussichten bei Hörsturz

Bei Schwerhörigkeit ist die Prognose besser als bei Taubheit oder an Taubheit grenzendem Hörverlust. Je geringer der Hörverlust, desto besser sind die Heilungsaussichten. Hörstürze im Tief- und Mitteltonbereich haben eine bessere Prognose als Hochton-Hörstürze.

Anmerkung: Hierbei handelt es sich um eine zusammenfassende, vergleichende statistische Aussage. Der Heilungsverlauf eines einzelnen, tatsächlichen Hörsturzes läßt sich nicht vorhersagen.

Die Häufigkeit, daß ein Hörsturz erneut auftritt, beträgt ca. 30 %, vor allem bei Hörstürzen im Tief- und Mitteltonbereich.

G. Fachbegriffe

Frequenz Beim Schall ein Maß für die Tonhöhe. Gemessen wird die Frequenz in „Hertz“ (Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, abgekürzt Hz). Das Gehör kann einen sehr weiten Frequenzbereich erfassen, dieser reicht bei jungen Erwachsenen etwa von 20 Hz bis 15000 Hz. Im Alltag, also beispielsweise für das Sprachverständnis, sind nur die Frequenzen bis etwa 4000 Hz von Bedeutung.

Das Gehör empfindet eine Verdopplung oder Halbierung der Frequenz als Oktav-Intervall. Wird eine Frequenz fortlaufend immer wieder verdoppelt, so wird dies als gleichmäßiger Tonhöhenanstieg wahrgenommen. Dieser Effekt ist bei der Frequenzeinteilung eines Audiogramms berücksichtigt, die Hertz-Skala ist dort zu den höheren Frequenzen hin entsprechend enger gestaucht.

Dezibel (dB) Beim Schall ein Maß für Lautstärkeunterschiede. Als Faustregel kann gelten, daß das Gehör eine Erhöhung um 10 dB als Verdopplung, eine Abnahme um 10 dB als Halbierung der Lautstärke empfindet.

In einem Audiogramm ist der Hörverlust in dB angegeben und zeigt, wieviel höher die Lautstärke gegenüber der Hörschwelle eines normalhörenden Ohres sein muß, um eine Empfindung auszulösen.

 
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