Nachdem ich meine Teilnahme am Gottesdienst „Jeder Mensch ist anders! - Leben mit Behinderung“ zugesagt hatte, dies war in etwa zum 4. „Jubiläum“ meiner Ertaubung, lag es nahe, die letzten vier Jahre Revue passieren zu lassen. Dabei ist mir einiges eingefallen und die Geschichten sprudeln weiterhin. In loser Reihenfolge möchte ich deshalb an dieser Stelle Nachdenkliches, Kurioses, Stolpersteine und Aufbauendes verbreiten. Hier sind auch Anekdoten und Erfahrungen von anderen Ertaubten eingeflossen. Gerne nehme ich Weiteres auf, eine Mail übers Kontaktformular genügt!
Viel Spaß mit den Randnotizen!
- Ertaubt zu leben ist viel einfacher, als ich dachte. Fast alle, die ich gebeten habe, deutlicher und langsamer zu sprechen sowie nicht Verstandenes (früher regelmäßig, heute unter schwierigen Kommunikationsbedingungen) aufzuschreiben, haben dies gerne gemacht.
- Ertaubt zu leben ist viel schwieriger, als ich dachte. Warum ist das so? Ehrlich gesagt, ich kann es nicht genau beschreiben. Alles in allem, klappt es besser, wenn man die Ertaubung früh akzeptiert. Akzeptanz heißt hier aber nicht aufgeben, sondern beinhaltet den aktiven Prozess sich an die neuen Bedingungen anzupassen, selber viel zu geben, aber auch guten Gewissens einzufordern.
- Das Leben ist schön! Eigentlich eine Binsenweisheit – trotzdem nochmal an dieser Stelle: Nicht die Medien und Mitmenschen vermitteln, was schön ist. Natürlich, man ist von der Kultur und seiner Umgebung geprägt und es ist sicherlich hilfreich, im Rahmen allgemein üblicher Werte zu leben. Ob man das Leben schön findet oder nicht, ist einem selber überlassen. Man kann die Welt nicht so verändern, wie man sie gerne hätte. Die Integration Behinderter zur Erreichung von Chancengleichheit ist in Deutschland meiner Meinung nach einfach nicht zufriedenstellend und wird sich auch kurzfristig nicht ändern. Den alleinigen Kampf gegen Windmühlen kann man nicht gewinnen. Alles Hinnehmen sollte man aber auch nicht: Also, machen wir das Beste daraus und versuchen, bei uns wichtigen Punkten nadelstichartig Integration zu fördern und zu fordern: Steter Tropfen höhlt den Stein!
- Schaffnermimiken. Mir fällt der unkomplizierte Umgang mit anderen, nicht ertaubten Behinderten, wie wahrscheinlich vielen Menschen, nicht immer einfach. Sicher, am besten behandelt man Behinderte wie jeden anderen Menschen auch und achtet dabei auf die besonderen Bedürfnisse des Behinderten: Sprich, verhalte Dich so, dass Du den Behinderten aufgrund seiner Behinderung nicht behinderst! Falls der Behinderte nicht gleich höflich informiert, wie man sich verhalten soll, kann man ihn auch einfach fragen. Wichtig ist jetzt, nicht weiter auf die Behinderung einzugehen, sondern zum Thema zu wechseln. Das Spektrum der Reaktionen auf Behinderte ist weit gefächert, besonders spannend finde ich es im Bus oder Zug. Ertaubung ist eine unsichtbare Behinderung. Über den kurzen Moment der Vorzeigens meines Behindertenausweises zur unentgeltlichen samt Wertmarke zur unentgeltlichen Beförderung im Nahverkehr könnte man eine Doktorarbeit in allen Facetten des Facial Acting Coding Systems schreiben: Überraschung, Mitleid, Fröhlichkeit, Zweifel, Furcht, Aufmunterungsbereitschaft, usw…
- Ausblick auf zukünftige Randnotizen:
- Der Mensch als Krönung der Lebewesen. Schimpansen und Menschen haben zu 99% gleiche Gene. Wie groß ist der Unterschied durch 1%?
- Keiner wars, keiner hat Schuld.
- Diskriminierung mal aus eigener Perspektive.
- Soll ich oder soll ich nicht?
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